Samstag, 31. Januar 2015
Es regnet
Mittwoch, 28. Januar 2015
Wienerisches Amerikanisch
Dienstag, 27. Januar 2015
1001 Worte
Mittwoch, 21. Januar 2015
Die Zeit
Sonntag, 18. Januar 2015
An den Leser
Ich wende mich an den werten Leser, der seine begrenzte Zeit sich nimmt, um in meinen Texten zu suchen. Wonach er sucht sei seine Sache, was er findet jedoch meine. Das ist zumeist das Problem des heutigen Schriftstellertums, nämlich: es begründet sich in seiner subjektiven Unterhaltungsform. Wer heute schreibt, der schreibt Geschichten, schreibt was sich verkauft, also was der Bürger Nr. 0815 gerne liest. Wer sich nur oberflächlich, sprich in der Ubahn oder im Bus mit Büchern beschäftigt, wie es wohl die meisten der heutigen Leser tun, wird seinem Gemüt nur leichte Kost zumuten, also geistige Diät-Bücher kaufen – auch Bestseller genannt. Wer sich in den gegenwärtigen Zeiten ein gutes Buch zulegen möchte findet es beim Antiquitätenhändler. Die Zeiten des Schreibens sind vorbei, ja, tot sind sie. Im legendären Cafe Central in der Wiener Herrengasse, wo sich die namhaftesten Schreiber einst die Hand reichten, ihre Schreibblockaden zusammen mit Schach und Tarock aussaßen, die Motivation in der Suppenschüssel suchten, fanden und verewigten, da gibt es heute keinen einzigen wahrhaften Schriftsteller inmitten der Touristen, die Filterkaffee zum Mürben Kipferl bestellen. Ebenso tot wie die unvergessenen Literaturzirkel sind auch die vermodernden Anhäufungen von Feuilletons und Essays und deren größter Meister, Anton Kuh.
Das begründet sich des Schreibers Meinung nach in dem Verlust des guten Geschmacks. Ich habe die Wurzel des Übels lange gesucht, an den unmöglichsten Orten gefunden, dann doch als Attrappe enttarnt, aber letztendlich bin ich mir sicher, sie festzuhalten. Ich halte sie in die Höh', entblöße sie vor euren Häuptern, seht her: der fehlende Sinn für gute Literatur ist der Grund der untergegangenen Schreibkultur. Verkauft wird der Roman für die moderne Hausfrau, für Schulkinder und Freizeitleser. Wenn der Markt keine Monopolisierung durchführen würde und auch kleine Schreiber ihre Bücher verlegt bekommen würden, wäre an dieser Tatsache nichts auszusetzen – in Zeiten des knallharten Kapitalismus aber ist die Existenz dieser erwähnten Gruppe von Schriftstellern ernsthaft bedroht. Wer tatsächlich gegen den Strom schwimmt, wird seine Leserschaft nur schwer erreichen und sein Leben in den seichten Höhen der Anerkennung verbringen. Wer also abseits des Mainstreams schreibt braucht :
Geld zum Leben, vom Schreiben verdient er nichts;
Viel Ausdauer, um die Leser zu erreichen;
und ein frohes Gemüt, um dem Verdruss der allgemeinen Ignoranz erfolgreich entgegenzutreten.
In einem Satz also: Wer heutzutage schreibt, schreibt entweder um viel Geld zu verdienen, oder man schreibt aus masochistischer Leidenschaft, einer Leidenschaft, sich selbst von den Freuden des Lebens fernzuhalten. Zum Glück kann man zwischen beiden Gruppen eine dicke, schwarze Trennlinie ziehen. Verwischt wird sie selten bis gar nicht. Ich hoffe zutiefst, dass das 21. Jahrhundert genügend Schriftsteller der zweiten Art hervorbringen wird, um auch durch seine Kunst und Kultur in die Geschichtsbücher eingehen zu können – und das in schönen Erinnerungen.
Mein lieber Leser, ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.
Donnerstag, 15. Januar 2015
Damals
Damals – ein subjektiveres Wort habe ich bislang nicht gefunden. Jede Generation hat ihre eigene Welt der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft. Die eigene Vergangenheit könnte als die Gegenwart eines anderen vollkommen anders aufgenommen worden sein, und so ergeben sich so viele Wahrheiten und Eindrücke, wie es Menschen auf diesem Planeten gibt.
Damals, ich war wohl acht oder neun Jahre alt – da wohnten meine Eltern mit mir an einer dicht befahrenen Straße. Ich erinnere mich an einen Innenhof des Gebäudes, an drei alte Damen, Tratschweiber, wie meine Mutter sie abfällig bezeichnete. Jeden Tag saßen sie auf derselben Bank, vor dem Sandkasten in dem ich spielte, und erzählten sich ihre Wahrheiten und Eindrücke, die sie als Generation miteinander verbanden. Sie waren Kinder des Krieges, verurteilt und vergessen, im Strudel der Zeit mitgenommen und beiseite geschoben. Ich erinnere mich an den alten, wiener Greissler, keine 500 Meter vom Wohnhaus entfernt. Ein Laden, der auf mich Kind klein gewirkt hatte, dessen Sortiment man mit einer Umdrehung überblicken konnte, voller Eigenerzeugnisse und regionalen Produkten. Der Geruch von frischem Obst und Gemüse, das in offenen Holzkisten angeboten wurde, lassen diese Erinnerungen besonders lebendig wirken. Ich bettelte stets um eine Süßigkeit, die ich als Belohnung bekam, für meinen körperlichen Einsatz – ich trug das Sackerl nach Hause. Es dauerte nicht mehr lange, da übernahmen die großen Konzerne den Markt, wurden zum Supermakt und schließlich zum Hypermarkt umgewandelt. Die kleinen Läden mussten schließen, weil das homogene Angebot den immergleichen, niedrigen Preis beibehalten konnte und der Geiz der Leute sie in die Konzernhallen trieb. Greissler gibt es in Wien kaum mehr – mit ihnen sind auch die kleinen Bauernhöfe und Pflanzenzüchter vom Bild der Landschaft weggefegt worden.
Wien – das hieß damals Einzigartigkeit. Auch wenn mir die letzten Tage der alten österreichischen Kultur als Kindheitserinnerungen angeheftet sind, frage ich mich oft, wie die Menschen meines heutigen Alters in der Zeit gelebt hatten. Ohne Computer, der der Schreibmaschine einen Vorteil von Jahrzehnten voraus ist, ohne Internet, das jegliche Abgeschiedenheit und Entfernung überwältigt, ohne Handy, mit dem man an jedem Ort sofort erreichbar ist. Nein, ich kann mir diese Zeit kaum vorstellen. Keine SMS, keine Mails, keine Telefonate in der Straßenbahn– mein Kopf routiert bei dieser Vorstellung, und doch hat sie etwas romantisches, Altvertrautes an sich.
Damals, es war wohl eine Zeit der Stille, die Ruhe vor dem Sturm, der die Fundamente der Stadt aus den Fugen reissen würde. Ein Sturm, der aus dem Westen kam und nicht nur die englische Sprache zu uns brachte – auch das Essen und die Fettleibigkeit haben wir inzwischen von unseren lieben Freunden übernommen. Was ich vermisse ist die kulturelle Identität unseres Landes und seiner Bevölkerung. Während wir als Kinder in Latz- und Stoffhosen umherrannten, spaziert unsere jüngste Generation in Jeans und HipHop-Kappen mit dem Aufdruck "OBEY" durch die Straßen. Es schmerzt, alte wiener Worte und Sprüche in Vergessenheit zu wissen, den unterbairischen Sprachrythmus in den Schulen, Banken, Kaufhäusern und an manchen Ecken der Stadt zu vermissen. Möge man mich altmodisch nennen, oder kleinlich oder auch änstlich und verrückt – ich vermisse den oidn, schiachn Bletschntandler (alten, hässlichen Gemüsehändler) am Wochenende, und wir alle wissen, dass er nie mehr zurückkommen möchte.
Damals, die Mitte der 1990er, für manche waren es die alten Tage, für mich aber waren diese Jahre der tiefe Topf, aus dem ich die Fundamente meiner Persönlichkeit geschöpft habe. Nie wieder wird es eine solche Generation geben, wie auch die heutige wohl einzigartig bleibt. Wir alle drehen uns im unendlichen Kreislauf des Lebens, nur der Fortschritt bleibt nicht stehen und macht so jedes Jahrzehnt der Geschichte einzigartig.
Die Klassenfahrt
Der Schulbus war nach einer genauen Sitzordnung geregelt. Sie war nicht ausgesprochen und doch still vereinbart, instinktiv vorgegeben. Je weiter hinten man saß, desto angesagter galt man in der Klasse. Also saß ganz vorne die Lehrerschaft, die sich unbewusst und doch ganz richtig in die Ordnung einfügte. Dahinter saßen die Streber, Harald und Phillip, deren Zeitvertreib es war, sich mit Büchern über die Sumerer und Babylonier zu beschäftigen. Sie galten als akzeptiert, auch wenn man oft über ihren flachen Humor, in dem sie sich kryptisch unterhielten, witzelte. In der Reihe hinter ihnen saßen Laurenz und Sebastian. Sie waren die Sorgenkinder der Klasse, da sie beide Probleme hatten, sich Bekanntschaften und Freunde zu schaffen. Da sie aber in ihrer Situation nicht allein waren und sich inmitten der Gemeinschaft gefunden hatten, fanden sie Glück im Unglück. Zwischen ihnen und Viktor befand sich die Mädchengruppe, über deren genaue Formation er sich auch nach zwei Jahren noch nicht ganz klar war. Elisabeth, von der Klasse liebevoll Liserl genannt, war das schönste Mädchen der Klasse, viele sagten gar der ganzen Unterstufe. Eine warme, vertraute Aura umgab ihre schöne Gestalt, und so war sie der geheime Schwarm unzähliger Schüler. Viktor konnte kein Interesse an ihr entdecken und wusste bereits am ersten Schultag, dass sie der zukünftige schöne Schwan der kommenden acht Jahre sein würde. Er hegte eine Unlust an Allerweltsdingen. Er interessierte sich seitdem er denken konnte für alternative Lebenswege. Als seine Eltern ihm vor einigen Jahren Pinsel und dazugehörige Farben gekauft hatten, um die Kreativität ihres Sohnes zu fördern, malte Viktor den Parkettboden in verschiedensten Rottönen an. Die Blätter aus Kartonpapier aber blieben blank. In den beiden letzten Reihen, direkt hinter Viktor und seiner blonden Sitznachbarin, saßen die coolen Burschen der Klasse. Unter ihnen Florian, ein schwarzhaariger Kerl mit grünen Augen und blassem Teint. Er hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit Schneewittchen, wahrscheinlich wäre er die perfekte männliche Version von ihr gewesen. Er war der Schönling der Klasse, das Alphamännchen. Um ihn herum sammelte sich eine Gruppe von menschlichen Kletten, die durch Florians Licht zu strahlen versuchten, doch ihr Versuch war immer schon zum Scheitern verurteilt. So saßen sie um ihn herum und unterhielten ihren kleinen Fürsten.
Stunde um Stunde verging, bis der Bus ans Ziel gekommen war und Herr Reichert um die Aufmerksamkeit seiner Schüler bat. Während Harald und Phillip, die beiden Streber, vom Vorstand gerne fleißige Schüler genannt, gespannt auf die Ansprache warteten, war Florians Gehabe durch das Geschnatter der Mädchen nicht zu hören. Sekunden vergingen, in denen Herr Reicherts Ader an der Schläfe immer schneller und deutlicher pochte, bis er aufschrie. Es war ein gellender Schrei. Die Kinder erstarrten. Selbst der übergewichtige Busfahrer sah den Lehrer mit verwunderter Mine an. "Meine Lieben!", rief der Lehrer bis ans Ende des Busses. "Wir sind nun in Bad Neustadl. Von hier aus gehen wir zu Fuß weiter, das Gepäck wird ins Ferienlager geschickt." Die Schülerschaft, ein jeder für sich, und doch alle zusammen, packte den Rucksack und schnallte ihn um den Rücken. So ging einer nach dem anderen in geduckter Haltung aus dem Bus. Frischluft. Es roch nach Pferdemist und Düngemittel. Florian, dessen Rucksack von seinem größten Schergen, Raphael, getragen wurde, lehnte seinen Kopf in den Nacken und verzog seine wulstigen Lippen. Wie aufs Kommando beschwerten sich seine Jünger. "Boah, riecht ihr diesen Dreck?", fragte Raphael in die Gruppe. "Ja, ist wirklich krass ekelig.", bestärkte ihn Lukas, beide die Blicke auf Florians wegweisende Mimik gerichtet. Vom anderen Ausgang des Busses, einige Meter entfernt, dröhnten laute Buh-Rufe und uneifes Lachen. Auch die Mädchengruppe beschwerte sich über den Duft der Natur. Einzig und allein Sophia verzog keine Mine, als sie ausstieg. Sie sah Viktor an, schielte aber in den Augenwinkeln zu den Zicken hinüber und schmunzelte ihre Schadenfreude in seine Richtung. "Das riecht wie bei meinem Onkel.", flüsterte ihm das blonde Mädchen ins Ohr. Er lächelte. Sie wusste, was er für sie empfand. Beide wussten, was sie füreinander empfanden, und doch traute sich keiner der beiden über den eigenen Schatten. Sie gingen zu Herrn Reichert, der einen roten Regenschirm in die Luft hielt. Von Florians Ecke kam eine herablassende Bemerkung. "Schirm im Sommer, dem regnets in den Kopf."