Freitag, 20. Februar 2015

Am Flughafen

Durch den Trubel der Menge schritt eine junge Schönheit, kaum noch Mädchen und doch nicht Frau, aber beides zugleich. Unschuld schmückte ihr schneeweißes Gesicht, unterstrichen von kindlicher Naivität, die sich in ihren großen, braunen Augen spiegelte, die das Treiben der Leute mit Neugier und Spannung verfolgten. Sie war vor wenigen Minuten erst aus ihrem Flieger gestiegen, der von Frankfurt in den Süden flog, wo der Airport Vienna das Ziel der Reise gewesen ist. Sie war geflüchtet aus ihrem Alltag, aus dem unglücklichen Landleben, das sich in einer tristen Gemeinde mittlerer Größe abgespielt hatte. Der immerwährende Rhythmus alter Traditionen, das graue Verhaltensmuster der Einwohner, das so eintönig war wie das Grün der weiten Weiden konnten ihre jungen Erwartungen nicht länger ausreizen. Keine Abscheu oder Ekel hatte sie vertrieben – sie war im Frieden gegangen. Die Sehnsucht nach Abenteuer, neuen Gesichtern und aufregenden Geschichten zog sie in diese Stadt, die vielversprechend lockte. Sie ging an dem Touristenkiosk vorbei und staunte über die vielen Menschen. Menschen aus aller Welt, vom Norden und vom Süden, Westen und Osten – von überall kamen sie nach Wien, um das Herz Europas in seiner ganzen Pracht zu bestaunen. An den futuristisch angehauchten Informationstafeln befand sich das Wort Exit in strahlend grünen Buchstaben. Ein Pfeil zeigte nach links, wo der Strom der Menge sie einsog. Beim Ausgang vorbei atmete sie tief ein. Saubere, kühle Morgenluft füllte ihre Lungen. Ihre Augen streiften den hellblauen Horizont.  Der Morgen ließ einen schönen Tag vermuten, und so ging sie weiter in Richtung der Busse, die sie zum Westbahnhof bringen würden. Die Geräuschkulisse war eine komplett andere als in der Halle zuvor. Keine kreischenden Kinder, keine durcheinanderrufenden Touristen in verschiedensten Sprachen waren zu hören. Die Motoren der Autos brummten, die kleinen, harten Plastikräder der Koffer prallten auf den Asphalt und knallten, quietschten, kratzten. Aufbruchsstimmung stieg in den Gesichtern der Fremden, deren Fremde sie untereinander verband. Einige Kinder waren dann in der Menge doch zu sehen, sie schienen aus Indien zu kommen, was die Aufmerksamkeit der jungen Frau auf sich zog. Sie konnte sich nicht erinnern jemals indische Kultur so nah erlebt zu haben. Interessiert und voller Spannung verfolgten ihre schönen Augen die drei Kinder, deren zwei Burschen große, graue Turbane auf ihren Köpfen trugen. Das Mädchen, sie schätzte es auf etwa fünf oder sechs Jahre, trug einen langen, bunten Rock. Ein durcheinandergewirbeltes Muster aus Grün, Gelb und Rot vermischten sich zu einem lachenden Wirbel. Große, vergoldete Kreolen verzierten ihr Gesicht, das ebenmäßig und hübsch war. Ohne Vorwarnung wurde sie plötzlich angerempelt und flog samt Rucksack auf den kalten Asphaltboden. Ein junger Mann, in ihrem Alter, verzog halbherzig seinen Mund zu einer scheinbar mitleidigen Mimik. Er zögerte eine halbe Sekunde, bis er sich zu ihr drehte und seinen Arm zur Hilfe ausstreckte. Erst als sie aufgestanden war, blickte sie in sein Gesicht. Seine Haare waren zu einem lockeren Scheitel frisiert, seine Augen strahlten ihr in hellem Blau entgegen. Er war nicht, was man einen Schönling nannte, aber doch brannte etwas in ihm, etwas geheimnisvolles, etwas, das nach ihrer Entdeckung rief. Bevor sie sich bedanken konnte, war der junge Herr in Sakko und Schnürschuhen verschwunden. Die ganze, lange Fahrt dachte sie an diese flüchtige Begegnung.

Samstag, 31. Januar 2015

Es regnet

Es regnet. Dicke, schwere Tropfen fallen auf meinen Kopf und meine Schultern herab, zerplatzen und hinterlassen einen leisen Knall. Erst der Blitz – ein Donnerschlag folgt. Die engen Straßen sind leer, kein Auto fährt. Meine Beine treiben mich voran, ich folge ihnen verständnislos. Denn ich habe nichts verstanden, habe mein Leben verlebt, meine Nächte verschlafen und die Tage verträumt. Der Preis offenbarte sich in jenen hellen Momenten, ich denen ich die Klarheit, die nackte, kalte Klarheit über mein Leben erkannte. Erst waren es nur einsame Momente, wenn mein Blick die Leere suchte. Die Klarheit kam und mit ihr das grauenhafte Gefühl der Einsamkeit. Die Momente wurden mehr, sie wurden stärker, intensiver, schmerzhafter. Es ist der Tag gekommen, an dem ich kapitulierte.

Es regnet. Meine Socken sind nassgesogen. Jeder Schritt quetscht das Wasser aus ihnen, das mit dem darauf folgenden wieder eingesogen wird. Die Straßen sind allein - ich bin allein. Mein Blick streift in die weiten Gassen, findet keinen Anhaltspunkt, verliert sich in der Entfernung. Das Grau wird Schwarz, das Schwarz wird leer. Ich weine. Die Tränen werden vom Regen weggespült. Meine Schritte stecken im immergleichen Takt. Kein Gedanke dringt in meinem Kopf hervor. Kein Bild, keine Vorstellung, kein Wort kann diese verzweifelte Leere bekämpfen. Eine unbeschreibliche Übelkeit legt sich um meinen Magen. Ich habe das Gefühl mich übergeben zu müssen. Aber ich werde nicht langsamer, ich gehe weiter. Immer weiter, ahnungslos. Hoffnungslos.

Es gab einen Moment, da habe ich mich selbst verlassen. An diesem Tag packte ich gedanklich meine Koffer, schmiss mir selbst einen Mittelfinger entgegen und ging weg. Wohin ich ging, das weiß ich nicht. Ich suche mich. Nur weiß ich nicht, wo die Suche beginnen soll. Wo würde ich mich verstecken? Würde ich mich denn überhaupt vor mir selbst verstecken? Nein, ich hätte mich bekämpft. Ein Kampf auf Leben und Tod, bei dem ich gestorben wäre und ich hätte gewonnen. Auf der Suche nach mir – im Regen, in Gedanken, in Emotionen. Der Sinn meines Daseins scheint ein nichtiger zu sein – wurde er gestohlen oder nie geboren? Bin ich ohne Sinn geboren? Einfach nur auf die Welt gesetzt. Ist es meine Bestimmung, bestimmungslos zu bleiben? Meine Beine bleiben schnell  und ziellos.

Ein Mann kommt mir entgegen. Ich erkenne ihn erst, als er wenige Meter vor mir steht, der dichte Regen hatte seine Gestalt verhüllt. Sein Gesicht bleibt mir fremd. Der Regen wird stärker. Der Unbekannte spricht zu mir, aber ich verstehe ihn nicht. Er hat eine schwarze Kapuze über den Kopf gezogen, beinahe komplett zugeschnürt, sodass ich nur die Konturen seiner Nase erkenne. Ich höre seine Stimme, verstehe die Worte aber nicht. Er kommt näher. Nun rieche ich ihn, inmitten des Schauers, der uns umgibt. Er riecht alt, kalt. Er riecht nach meiner Kindheit, an den feuchten Keller meiner Großmutter, in dem ich in den Sommerferien die Äpfel eingelagert hatte. Nun ist er mir vertraut, ein immer da gewesener Bekannter, Freund, Bruder und Vater. Freude umgibt mich. Ob ich nach Hause will fragt mich der Mann. Ja, ich will.


Es regnet.

Mittwoch, 28. Januar 2015

Wienerisches Amerikanisch

Neulich in der Wiener Innenstadt:


Welkomm, Welkomm!

Ei hob ju hed e neis fleit tu austria. Yes, plihs, komm owa hiar. Senks. So, dis ist de Stephansdom. De Stephansdom is won of de oldesd bildings in wienna. It wos bild in wontausndwonhandretsörtiseven. Batt de dom is not komplitet jett. De konstraktschon hed tubi stoppd in fifftenelewn bekos off mani-schortetsch. Well end iff ju luk owa hiar, ju ken si de wondafull Kärntner Strasse. It is weri femos es e schopping mol. Jes so wi will dreiff wis de metro tu de Schwedenplatz, dis is enadda gred ples in wienna. – Geh, Koarl, hoist ma an Foahschein? –
So, dis is wot wi kol e Käsekrainer. E Käsekrainer is e big sosetsch wis tschihs init. Wi put it intu e breed, mostli intu e Hotdog-Breed. Te tüpikal wieness leiks to putt ketschapp and mastat init. So wi itit in won hend end de odda ken be jusd foa enising els. Gred, isnditt? Es ju ken si, austria is e wondafull ples foa ewaribadi. Wi ah open, freindli end we alwes hef the Wiener Schmäh – haha –  Jes ju no. 

Dienstag, 27. Januar 2015

1001 Worte

Bürger! Wie kannst du klagen? Wie kannst du es wagen, deinen Mund zum Protest zu öffnen, um deinem Groll Gehör zu verschaffen, der sich in Undank und Faulheit suhlt? Denke an die Generation unserer Eltern, hat sie nicht alles getan, um uns eine bessere Welt zu hinterlassen? Was hat die Elternseltern Generation gemacht? War sie nicht still und hat ihr Schicksal hingenommen, wie es kam? Es kam voll Hass und Tod und Trauer und Verlust. Hat sie das Land nicht aufgebaut, hat sie die Wirtschaft nicht angekurbelt? Ihr Leben war hart und voll von Sorge, Verzweiflung und Trauer um den kommenden Tag. Aber du, Erdenbürger, willst dein Haupt erheben, zwischen deiner Verschwendung und deiner Arroganz, willst auf den Boden spucken, den Boden, der als Fundament unserer heutigen Welt dient? Eine Welle von Scham und Selbsthass soll dich überrollen im Augenblick, in dem deine Selbstsucht  dich erdrosselt.
Wir leben in einer futuristisch angehauchten Welt. Wer vor 80 Jahren durch die Stadt der ehemaligen Habsburgermonarchie spazierte, der würde an der gleichen Stelle heute Aug‘ und Ohr verlieren. Wo einst Kutschen auf den Backsteinstraßen knirschten, brummen heute Mercedes und BMW über den Wiener Ring. Protzige Hotelanlagen, deren Namen an die alten Zeiten erinnern sollen, laden zum teuren Absteigen ein. Der Luxus wurde neu entdeckt, er wurde aufgezogen und ist nun groß geworden, größer als wir es je waren. Niemand muss heute mehr hungern in unseren Ländern. Europa hat zusammengefunden. Wo einst Hasstiraden gesungen wurden, finden sich Afrika-Workshops und Zelte zum Origamischwan falten. Ziel erreicht? Nur scheinbar. Denn in Wirklichkeit sind wir weiter davon entfernt als je zuvor. Warum, fragt sich der Bürger von heute. Wir haben doch alles was wir wollen, leben im Überfluss, jeder kann in einem Haus leben, na fast jeder. Wer konnte damals schon ein Haus mit Swimming Pool und Garten und Zwergen und Rutsche und Hollywood Schaukel haben? Natürlich, nur die oberen Zehntausend leisteten sich einen solchen Luxus. Aber braucht man einen Garten mit einem Haus darauf? Sind die Gartenzwerge tatsächlich notwendig, um ein sinnerfülltes Leben zu führen? Da ruft der neue Bürger „Das ist mein Recht!“. Wohl wahr, dein Recht zu tun was du willst. Aber willst du denn tatsächlich dein Leben mit solchem Unfug füllen? Die Selbstbestimmung scheint an den meisten Leuten zu scheitern – oder ist es umgekehrt?
Luxus ist ein wunderbares Wort – vor allem wenn wir seiner Bedeutung nachgehen. Da müssen wir nicht lange suchen: Luxus ist lateinisch und bedeutet Verschwendung. Da fällt die Maskerade des vermeintlich edlen Wortes! Wer möchte schon verschwenderisch sein? Doch genau das ist der Lebensstil, den die heutige Gesellschaft für sich anstrebt. Problematisch wird die Frage, wie eine Gesellschaft, bestehend aus unzähligen Individuen, monoton luxuriös leben könnte? Nein, das ging schon damals nicht, denn wer ein Buch in die Hand nimmt und in den Zeilen der alten Zeiten nachliest, wird finden, wovon ich spreche: Die antike Oberschicht, die Aristokratie. Diese Gesellschaft, ein stets eingekesselter, isolierter Teil der eigentlichen, lebte von den Mühen und auf Kosten der Bauern, Knechte, Arbeiter, Kaufmänner und Leibeigenen. Der Hof des Kaisers blühte prunkvoll auf, wenn die Ernte im Herbst verkauft und die Steuer vom Adel eingezogen war. Die Könige und Fürsten sind heute verschwunden, mit ihnen die missbrauchte Aristokratie und die Leibeigenschaft. Dennoch leben wir heute unter ähnlichen Umständen, wenn auch den Umständen entsprechend in anderer Quantität. Die heutigen Fürsten sind selten mehr geadelt, meist ist ihr Hof ein privates Gut. Sie leben abgeschieden von der Welt in ihrer eigenen, mit Personal und Golfplatz, eigentlich doch ganz dem alten Muster entsprechend. Dass der Mensch nichts dagegen unternehmen mag und von einer Ungerechtigkeit in die nächste schlittert, das mag wohl an seinem Egoismus liegen, der von unten nach oben verteilt. Wo sich dann einige Egoisten zusammenschließen, da entsteht eine Lobby, eine Gemeinschaft der Einzelnen, die alle ihrem eigenen, subjektiven Wohl nacheifern.
Das Jammerdasein seiner eigenen Unterdrückung wusste der Bürger von damals wie der heutig moderne ganz einfach zu verdrängen: Mit Brot und Spielen – zur Verfügung gestellt von der herrschenden Klasse, die sich damals wie heute eine Menge Geld, Leben und Mühe damit ersparte. Waren es in früheren Jahrtausenden blutige Kämpfe, die dazu nötig waren den niederen Instinkten des Kleinbürgertums zu gefallen, hat sich die Unterhaltungsindustrie einen neuen Streich erlaubt: Unterschichtsfernsehen. Die allbekannten Sender mit ihren „scripted reality shows“ bringen den Bürger von heute praktisch kostenlos auf seine Kosten. Das Brot liefern Fast-Food-Ketten billig und fettig, wie es der Gaumen der Unteren bevorzugt.  Während sie also gemütlich vor den Wohnzimmeraltären ihre neuen Götter anbeten, fressen sie Hormone und Giftstoffe aller Art und Konsistenz in sich hinein, um sich Tags darauf in der Arbeit über den Trott des Lebens zu beschweren. Die klebrige Ironie, die diese Gesellschaft zusammenhält, ist komplizierter als je zuvor. Jawohl, diese Welt ist kein Deut besser geworden, als man Demokratien ausrief, Sklaverei verbat, Leibeigenschaft abschuf und Diktaturen zerschlug – das Ungleichgewicht hat sich nur verlagert, nie wurde es tatsächlich bekämpft, geschweige denn besiegt.
Schon immer hat der Mensch versucht, einen Schuldigen für sein eigenes Übel zu suchen – nie jedoch hat er sich selbst getadelt. Stets waren es die anderen: mal die Adeligen, mal die Kaufleute, mal die Kommunisten, mal die Juden. Die Schuld scheint so vielfältig wie die Beschuldigten, nie jedoch nimmt sie die Gestalt der Realität an. Eine Schande für ein solch edles Geschöpf wie dem Menschen, einzigartig auf diesem Planeten. Der Mensch hatte den Fortschritt nur im Kollektiv bestritten. In der Gruppe war der Mensch immer stark. Ohne Zusammenschluss wäre der Mensch in der ostafrikanischen Savanne verreckt. In Gruppen wurde der Mensch auch gehalten, als er versklavt und verkauft wurde, denn die Kraft eines Einzelnen vermag nichts zu verändern. Die Pyramiden wurden von hunderttausenden Menschen gebaut, deren Stärke in ihrer Zahl lag. Hätte die Masse ihre Kraft für das eigene Wohlergehen eingesetzt, so wäre es anfangs eine Revolution, dann ein Aufstand, später aber eine Demokratie geworden. Ihre  Kraft wurde ausgenutzt, um der Geltung eines einzigen Pharaos zu dienen, ihm die Ewigkeit zu schenken. Das Prinzip widerspricht dem evolutionären Gedanken der Selektion. Aber dazu ein andermal.

Mittwoch, 21. Januar 2015

Die Zeit

Beim Supermarkt an der Ecke. Ein feiner Geschäftsmann, die Blüte seiner Jugend gerade eben verlassen, telefoniert an der Wursttheke. Sein Blick ist starr auf die gebratene Putenbrust aus Fleischstücken gerichtet, von der er „a bisserl was“ bestellt hat. Im Telefon ertönt, unschwer zu überhören, ein Mann mit lautem Sprechorgan. Man hört seine Anweisungen sicherlich einige Meter weit, wo auch die Frau von der Theke an der Schneidemaschine steht und im monotonen, immergleichen Rhythmus die Putenbrust herunter blättert. Der junge Herr windet sich sichtlich aus einem Schlamassel, in das er wohl aufgrund einer Verspätung geraten ist. Immer wieder verzieht er seinen breiten Mund und bleckt seine gebleichten Zähne während er durch sie die sauerstoffarme Luft einzieht. Dann aber passiert es! Er hebt seinen rechten Arm, winkelt ihn ab, blickt auf die teure Uhr. Seine Stimme ertönt zum ersten Mal in diesem Gespräch. „Jo, Peter. I hab ja gsagt, ich beeil mich. Aber i hab viel Zeit verloren.“ Der Mann hat, ich wiederhole es ausdrücklich, Zeit verloren. Das macht ihn um einiges sympathischer. So nehme ich meine bestellten Semmeln und bedanke mich mit einem zufriedenen Lächeln bei der Frau an der Theke.
Zurück in den engen Gassen der Altstadt versuche ich dem Wortlaut zu folgen. Immer wieder huscht mir der Satz durch den Kopf. „Aber i hab viel Zeit verloren – Zeit verloren.“ Wenn man Zeit verliert, dann muss man Zeit erst einmal besitzen. Warum verliert man so etwas? Wenn man nicht genug darauf aufpasst, wohlmöglich. Oder aber weil sie herausgefallen war, aus der Tasche oder vielleicht aus einem Beutel – einem Zeitbeutel. Ich blicke in meine Hosentaschen, finde keinen Beutel, der die Zeit aufbewahrt. Eigenartig. Man sagt doch auch, dass einem die Zeit gestohlen wird. Das ist es! Auf den Straßen machen Zeitdiebe das Leben der Menschen unsicher. Aber wo sind diese Diebe – wie sehen sie aus – und vor allem: Wie stehlen sie denn die Zeit, wenn sie nicht verwahrt ist? Fragen über Fragen häufen sich in meinem Kopf an, als ich an einem kleinen Tischchen vorbeikomme, an dem ein Hütchenspieler hockt und sein Spiel mit einem der Passanten treibt. Fasziniert sehe ich seinen schnellen Bewegungen zu. Immer wieder schafft er es, den kleinen Ball unter einem der Hüte zu verstecken. Der Passant, ein kleiner, dicker Mann in Anzug und Krawatte, sieht den Spieler verärgert an. Er hat ihn wohl ausgetrickst, darüber ist er sich bewusst – zum Beweis fehlt jedoch jede Spur. Ich sehe auf die Uhr – mein Atem stockt. 20 Minuten verloren! Wie ist das passiert? Vielleicht hat sie wer eingesteckt, als ich nicht aufgepasst habe? Aber, nein es ist wohl zu spät, ich sehe niemanden mit zu viel Zeit. Zu viel Zeit, kann man das haben? Ist Zeit so etwas wie Geld, kann man genug davon haben – ist man dann unabhängig?
Mein Kopf schmerzt bei solcher Gehirnakrobatik. Wie viel Zeit bleibt mir wohl noch? Was ist, wenn sie aufgebraucht ist? Völlig verstört komme ich an einem alten Brunnen an. Das Wasser läuft aufgrund der kalten Jahreszeit nicht mehr und so sitzen allerhand Menschen nebeneinander am Rand des Wasserbeckens. Ich setze mich auf die Steinkante. Spanische Studenten witzeln mit großzügiger Gestik um die Wette. Ich verstehe nur ein paar Brocken, mein Spanisch ist wohl nicht mehr das Beste. Es ist schon einige Jahre her, als ich Spanisch lernte, das war wohl am Gymnasium. Nach einiger Zeit der Ruhe setzt sich ein alter Mann zu mir. Sein grau-schwarzer Wollmantel scheint sauber und gepflegt, seine Brille ist in einem Zinnrahmen gefasst. Er zündet sich eine Zigarette an und bläst den Rauch in weitem Bogen aus. Dann blickt er zu mir und sieht mich von der Seite an. „Junger Herr“, spricht er. „Haben Sie eine Sekunde Zeit?“ Fassungslos streift mein Blick ins Leere. „Ich weiß es nicht.“, antworte ich.  

Sonntag, 18. Januar 2015

An den Leser

Ich wende mich an den werten Leser, der seine begrenzte Zeit sich nimmt, um in meinen Texten zu suchen. Wonach er sucht sei seine Sache, was er findet jedoch meine. Das ist zumeist das Problem des heutigen Schriftstellertums, nämlich: es begründet sich in seiner subjektiven Unterhaltungsform. Wer heute schreibt, der schreibt Geschichten, schreibt was sich verkauft, also was der Bürger Nr. 0815 gerne liest. Wer sich nur oberflächlich, sprich in der Ubahn oder im Bus mit Büchern beschäftigt, wie es wohl die meisten der heutigen Leser tun, wird seinem Gemüt nur leichte Kost zumuten, also geistige Diät-Bücher kaufen – auch Bestseller genannt. Wer sich in den gegenwärtigen Zeiten ein gutes Buch zulegen möchte findet es beim Antiquitätenhändler. Die Zeiten des Schreibens sind vorbei, ja, tot sind sie. Im legendären Cafe Central in der Wiener Herrengasse, wo sich die namhaftesten Schreiber einst die Hand reichten, ihre Schreibblockaden zusammen mit Schach und Tarock aussaßen, die Motivation in der Suppenschüssel suchten, fanden und verewigten, da gibt es heute keinen einzigen wahrhaften Schriftsteller inmitten der Touristen, die Filterkaffee zum Mürben Kipferl bestellen. Ebenso tot wie die unvergessenen Literaturzirkel sind auch die vermodernden Anhäufungen von Feuilletons und Essays und deren größter Meister, Anton Kuh.
Das begründet sich des Schreibers Meinung nach in dem Verlust des guten Geschmacks. Ich habe die Wurzel des Übels lange gesucht, an den unmöglichsten Orten gefunden, dann doch als Attrappe enttarnt, aber letztendlich bin ich mir sicher, sie festzuhalten. Ich halte sie in die Höh', entblöße sie vor euren Häuptern, seht her: der fehlende Sinn für gute Literatur ist der Grund der untergegangenen Schreibkultur. Verkauft wird der Roman für die moderne Hausfrau, für Schulkinder und Freizeitleser. Wenn der Markt keine Monopolisierung durchführen würde und auch kleine Schreiber ihre Bücher verlegt bekommen würden, wäre an dieser Tatsache nichts auszusetzen – in Zeiten des knallharten Kapitalismus aber ist die Existenz dieser erwähnten Gruppe von Schriftstellern ernsthaft bedroht. Wer tatsächlich gegen den Strom schwimmt, wird seine Leserschaft nur schwer erreichen und sein Leben in den seichten Höhen der Anerkennung verbringen. Wer also abseits des Mainstreams schreibt braucht :
Geld zum Leben, vom Schreiben verdient er nichts;
Viel Ausdauer, um die Leser zu erreichen;
und ein frohes Gemüt, um dem Verdruss der allgemeinen Ignoranz erfolgreich entgegenzutreten.
In einem Satz also: Wer heutzutage schreibt, schreibt entweder um viel Geld zu verdienen, oder man schreibt aus masochistischer Leidenschaft, einer Leidenschaft, sich selbst von den Freuden des Lebens fernzuhalten. Zum Glück kann man zwischen beiden Gruppen eine dicke, schwarze Trennlinie ziehen. Verwischt wird sie selten bis gar nicht. Ich hoffe zutiefst, dass das 21. Jahrhundert genügend Schriftsteller der zweiten Art hervorbringen wird, um auch durch seine Kunst und Kultur in die Geschichtsbücher eingehen zu können – und das in schönen Erinnerungen.
Mein lieber Leser, ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Donnerstag, 15. Januar 2015

Damals

 Ein altes Sprichwort besagt, man solle nicht in der Vergangenheit leben.
Damals – ein subjektiveres Wort habe ich bislang nicht gefunden. Jede Generation hat ihre eigene Welt der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft. Die eigene Vergangenheit könnte als die Gegenwart eines anderen vollkommen anders aufgenommen worden sein, und so ergeben sich so viele Wahrheiten und Eindrücke, wie es Menschen auf diesem Planeten gibt.
Damals, ich war wohl acht oder neun Jahre alt – da wohnten meine Eltern mit mir an einer dicht befahrenen Straße. Ich erinnere mich an einen Innenhof des Gebäudes, an drei alte Damen, Tratschweiber, wie meine Mutter sie abfällig bezeichnete. Jeden Tag saßen sie auf derselben Bank, vor dem Sandkasten in dem ich spielte, und erzählten sich ihre Wahrheiten und Eindrücke, die sie als Generation miteinander verbanden. Sie waren Kinder des Krieges, verurteilt und vergessen, im Strudel der Zeit mitgenommen und beiseite geschoben. Ich erinnere mich an den alten, wiener Greissler, keine 500 Meter vom Wohnhaus entfernt. Ein Laden, der auf mich Kind klein gewirkt hatte, dessen Sortiment man mit einer Umdrehung überblicken konnte, voller Eigenerzeugnisse und regionalen Produkten. Der Geruch von frischem Obst und Gemüse, das in offenen Holzkisten angeboten wurde, lassen diese Erinnerungen besonders lebendig wirken. Ich bettelte stets um eine Süßigkeit, die ich als Belohnung bekam, für meinen körperlichen Einsatz – ich trug das Sackerl nach Hause. Es dauerte nicht mehr lange, da übernahmen die großen Konzerne den Markt, wurden zum Supermakt und schließlich zum Hypermarkt umgewandelt. Die kleinen Läden mussten schließen, weil das homogene Angebot den immergleichen, niedrigen Preis beibehalten konnte und der Geiz der Leute sie in die Konzernhallen trieb. Greissler gibt es in Wien kaum mehr – mit ihnen sind auch die kleinen Bauernhöfe und Pflanzenzüchter vom Bild der Landschaft weggefegt worden.
Wien – das hieß damals Einzigartigkeit. Auch wenn mir die letzten Tage der alten österreichischen Kultur als Kindheitserinnerungen angeheftet sind, frage ich mich oft, wie die Menschen meines heutigen Alters in der Zeit gelebt hatten. Ohne Computer, der der Schreibmaschine einen Vorteil von Jahrzehnten voraus ist, ohne Internet, das jegliche Abgeschiedenheit und Entfernung überwältigt, ohne Handy, mit dem man an jedem Ort sofort erreichbar ist. Nein, ich kann mir diese Zeit kaum vorstellen. Keine SMS, keine Mails, keine Telefonate in der Straßenbahn– mein Kopf routiert bei dieser Vorstellung, und doch hat sie etwas romantisches, Altvertrautes an sich.
Damals, es war wohl eine Zeit der Stille, die Ruhe vor dem Sturm, der die Fundamente der Stadt aus den Fugen reissen würde. Ein Sturm, der aus dem Westen kam und nicht nur die englische Sprache zu uns brachte – auch das Essen und die Fettleibigkeit haben wir inzwischen von unseren lieben Freunden übernommen. Was ich vermisse ist die kulturelle Identität unseres Landes und seiner Bevölkerung. Während wir als Kinder in Latz- und Stoffhosen umherrannten, spaziert unsere jüngste Generation in Jeans und HipHop-Kappen mit dem Aufdruck "OBEY" durch die Straßen. Es schmerzt, alte wiener Worte und Sprüche in Vergessenheit zu wissen, den unterbairischen Sprachrythmus in den Schulen, Banken, Kaufhäusern und an manchen Ecken der Stadt zu vermissen. Möge man mich altmodisch nennen, oder kleinlich oder auch änstlich und verrückt – ich vermisse den oidn, schiachn Bletschntandler (alten, hässlichen Gemüsehändler) am Wochenende, und wir alle wissen, dass er nie mehr zurückkommen möchte.
Damals, die Mitte der 1990er, für manche waren es die alten Tage, für mich aber waren diese Jahre der tiefe Topf, aus dem ich die Fundamente meiner Persönlichkeit geschöpft habe. Nie wieder wird es eine solche Generation geben, wie auch die heutige wohl einzigartig bleibt. Wir alle drehen uns im unendlichen Kreislauf des Lebens, nur der Fortschritt bleibt nicht stehen und macht so jedes Jahrzehnt der Geschichte einzigartig.