Freitag, 2. Januar 2015

Fortschritt

Der Mensch hat sich die Welt letzendlich zu Untertan gemacht. Der technische Fortschritt steigt mit jedem Tag weiter an und es scheint kein Ende in Sicht. Wer vor einigen Jahrzehnten noch Briefe in größter Mühe und Sorgfalt verfasste, Kalligraphie seine zweite Seele widerspiegelte und über die größten Geheimnisse offenbarte - selbstverständlich nur jenem, der ihre Sprache verstand - sendet heute ein Mail von Mexico nach Australien in tatsächlicher Millisekundendauer.


Wir schreiben das Jahr 1454. Ein Mann namens Johannes Gensfleisch, in späteren Zeiten fälschlicherweise Gutenberg genannt, hält soeben seine erste gedruckte Bibel in der Hand. Stolz betrachtet er sein Werk im Licht der Kerzen, deren helles Flackern noch gute 300 Jahre unersetzlich für den Menschen sein wird. Dann erst wird die Petroleumlampe erfunden und die Kerze rückt langsam in den Hintergrund der Raumausstattung. Doch wie der Buchdruck bald revolutioniert und die von Gutenberg angewandte Methode unzählige Male verändert wird, so bleibt er - wie die Flamme der Kerzen - ein ewiger Lichtschein in der Geschichte der Menschheit. Johannes Gutenberg, dessen Name noch viele Jahrhunderte in Kinderstimmen durch Klassenzimmer gerufen wird, ist in diesem Moment unendlich stolz auf sich und sein Werk. Obwohl die abgedruckte Bibel in Latein verfasst ist, steht sie für Fortschritt, Zukunft und Technik. Gutenberg wird 1999 zum Mann des Jahrtausends gewählt.


Man könnte meinen, dass der Mensch sich im Laufe seiner Existenz weiterentwickelt und die Treppe der Evolution in großen, schnellen Schritten besteigt. Dem ist aber nur beim ersten Anschein so, denn wenn man die Situation näher betrachtet, so merkt man schnell, dass allein die Wissenschaft, Philosophie, Technik, sprich alles von Menschenhand geschaffene, weiterentwickelt wird. Der Mensch aber fängt in seiner Existenz auf der ewig selbigen Stufe an. Was einen Sumerer vor 5000 Jahren von einem englischen Kolonialherren oder Arthur Schopenhauer unterscheiden würde, würden die Herrschaften beieinanderstehen, wäre wahrscheinlich nur der technische Fortschritt, an dem sie sich bemessen könnten. Ihr Wesen, ihre Empfindungen, ihr Geist und die Gedanken wären naturgegebenermaßen die selben. Diese Erkenntnis sagt das vorprogrammierte Scheitern der Menschheit voraus - eines Tages übersteigt die technische Errungenschaft unseren Verstand.


Doch trotzdem ist man froh, in Zeiten wie diesen leben zu dürfen. Keine Generation vor uns konnte in Windeseile einen Bericht auf seinem Blog veröffentlichen, dessen Inhalt an allen Orten der Welt gleichzeitig gelesen wurde. Das birgt ein enormes, politisches Potenzial, das an Wahrheit, Transparenz und Demokratie gebunden ist. Aber auch Gefahren - besonders in eben undemokratischen Ländern und Regierungen - kann ein solcher technischer Fortschritt mit sich bringen. Letzlich aber steht diese Entwicklung für die Gleichheit aller Menschen auf dieser Erde - die Erfindung des Internet mit Computern und dem anderen hochtechnologisierten Krimskrams wird wahrscheinlich eines Tages die Erfindung des Jahrtausends.



Euer Wolferl

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